{"id":14,"date":"2011-04-05T08:47:14","date_gmt":"2011-04-05T08:47:14","guid":{"rendered":"http:\/\/berlin-projekt.net\/?p=14"},"modified":"2011-05-04T13:06:47","modified_gmt":"2011-05-04T11:06:47","slug":"no-es-momento-de-hacernos-los-distraidos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/berlin-projekt.net\/?p=14","title":{"rendered":"Ra\u00fal Zibechi : No es momento de hacernos los distra\u00eddos"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es ist nicht der Moment sich dumm zu stellen <\/strong><\/p>\n<p>Mit den arabischen Revolten ger\u00e4t die globale Systemkrise in eine neue Phase, noch weniger vorhersehbar und immer weniger kontrollierbar. Bis jetzt waren die Finanzoligarchien und die gro\u00dfen Multinationalen, die wichtigsten Regierungen, ins Besondere die USA und China und mit gro\u00dfem Abstand einige Institutionen wie die G-20 die Hauptakteure. Nun jedoch, mit dem weltweiten Eintritt der \u201esectores populares\u201c, breiter Teile der Bev\u00f6lkerung, ins Geschehen, findet eine Wende statt. Allen voran das Auftreten der arabischen Bev\u00f6lkerung l\u00e4sst eine Versch\u00e4rfung und Beschleunigung des Verlaufs vermuten.<\/p>\n<p>Den ersten Paukenschlag lieferte die griechische Jugendlichen mit ihrem Aufstand im Dezember 2008. W\u00e4hrend das Finanzkapital versucht der zu erwartenden unvermeidlichen Entwertung zu entkommen und wieder mit Lebensmitteln spekuliert, wird die prek\u00e4re Situation von Millionen von Menschen weltweit unertr\u00e4glich. Dass die Situation in der arabischen Welt explodiert ist, kommt nicht unerwartet, und genauso wissen wir, dass etwas \u00c4hnliches an jedem Ort der Welt passieren kann, wie uns die Besetzung des Kapitol in Wisconsin in den USA zeigt. Die Frage ist nicht was geschehen wird, sondern wo sie sich als n\u00e4chstes zeigen wird, \u201eDie vielk\u00f6pfige Hydra\u201c, wie der Titel eines der besten B\u00fccher der Analyse der Geschichte von unten lautet.<br \/>\n<!--more-->Der wachsende systematische Zerfall wird noch viele Regierungen und auch einige Staaten mit sich rei\u00dfen, unabh\u00e4ngig von ihrer politischen Selbstverortung konservativ oder progressiv, oder sonst was. Wir sind am Beginn einer Phase verbreiteter Unordnung, in der die alten Abgrenzungen links-rechts, Zentrum-Peripherie, bis hin zu den hegemonialen Ideologien, verschwimmen werden.<\/p>\n<p>Der Eingriff der breiter Teile der Bev\u00f6lkerung ver\u00e4ndert den Ausgangspunkt der Analyse, und vor allem erzwingt er eine ethische Entscheidung. Das Geflecht zwischenstaatlicher Beziehungen prallt immer h\u00e4ufiger mit emanzipatorischen K\u00e4mpfen zusammen. Ganz konkret: die Freiheitsk\u00e4mpfe von unten k\u00f6nnen Regierungen und Regime st\u00fcrzen, die gegen den Imperialismus und eine unipolare Welt, angef\u00fchrt von den USA und den westlichen Multis, zu sein scheinen. In den Revolten von unten, die Regierungen bedrohen, die dem Westen gef\u00fcgig sind, wie z.b. \u00c4gypten, formieren sich breite B\u00fcndnisse gegen Tyraneien, in denen sich die unterschiedlichsten Linken profilieren.<\/p>\n<p>Aber wenn dieselben Revolten sich gegen Tyraneien richten, die mehr oder weniger anti-us-amerikanisch sind, zerbricht dieses B\u00fcndnis und es tauchen Zweckm\u00e4ssigkeitsabw\u00e4gungen auf. Libyen ist so ein Fall.<\/p>\n<p>Wir Lateinamerikaner sollten jetzt aus dieser arabischen Revolte lernen. Freiheitsk\u00e4mpfe von unten sind unantastbar f\u00fcr jeden der sich links glaubt, sofern links noch etwas bedeutet. Daran gibt es \u00fcberhaupt keine Zweifel. \u00dcberlassen wir diese Zweifel den Berlusconis, die sich Gedanken um ihre italienischen Investitionen in Libyen machen m\u00fcssen; und um die vermeintlichen tausende von Fl\u00fcchtlingen auf dem Weg nach S\u00fcdeuropa. Es ist wahr, dass einige schon so tief gefallen sind, wie der r\u00f6mische Missbraucher von Minderj\u00e4hrigen. Aber in Wirklichkeit k\u00f6nnen wir von jemanden wie Daniel Ortega auch nichts anderes erwarten.<\/p>\n<p>Die arabische Revolte zwingt uns, die wir f\u00fcr grunds\u00e4tzliche Ver\u00e4nderungen des Weltsystems und unserer unmittelbaren Lebensumst\u00e4nde k\u00e4mpfen, uns mit drei Themen auseinander zu setzen. Das erste und schmerzhafteste f\u00fcr uns, die wir Teil der K\u00e4mpfe der 60er Jahre waren, ist auf unsere eigene Fehler zu schauen und uns nicht dumm zu stellen. Die heldenhaften K\u00e4mpfe des vergangen halben Jahrhunderts haben ihre schwarzen Seiten voll von furchtbaren Taten, und wir haben uns daran gew\u00f6hnt sie unter den Teppich zu kehren. Roque Dalton ist da keine Ausnahme. Der M\u00f6rder Muammar al-Gaddafi war eine zeit lang ein Alliierter im antiimperalistischen Umfeld, und ist es f\u00fcr einige heute immer noch. Keiner ist ohne Schuld, aber wir sollten dem Schrecken ins Gesicht sehen. Der Autor dieser Zeilen war ein leidenschaftlicher Anh\u00e4nger der chinesischen Kulturrevolution, ohne den enormen Schaden wahrzunehmen, den diese an den normalen Menschen angerichtet hat.<\/p>\n<p>Denken wir daran, dass es uns damals dazu gef\u00fchrt hat die Schmerzen der Menschen, die auf dem Altar der Revolution geopfert wurden, nicht glauben zu wollen; sie weder zu h\u00f6ren noch zu verstehen. Es bringt nichts sich hinter dem \u201cdas haben wir nicht gewusst\u201d zu verstecken, wie es die Deutschen tun, wenn sie nach ihrer Passivit\u00e4t gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus gefragt werden.<\/p>\n<p>Als Zweites sollten wir begreifen, dass wir nun vor etwas anderem stehen. Es handelt sich nicht um eine Wiederholung des schon Bekannten. Dieses Neue ist der Bruch des Systems, der Einstieg in eine chaotische Phase in der all unsere Sicherheiten und unser Erlerntes auf die Probe gestellt wird. Der Zusammenfall des Systems wird uns alle betreffen.<\/p>\n<p>Die Tr\u00fcmmer werden auch \u00fcber unseren K\u00f6pfen zusammenbrechen. In \u201c<em>Marx und die Unterentwicklung<\/em>\u201d erinnert uns Immanuel Wallerstein daran, dass ein kontrollierter und organisierter \u00dcbergang immer auch eine gewisse Kontinuit\u00e4t der Ausbeutung beinhaltet. Und er sagt weiter, dass wir die Angst vor einer Ver\u00e4nderung, die auch Aspekte des Zusammenbruchs, der Desintegration haben kann, verlieren m\u00fcssen. Ein Zusammenbruch der unkontrolliert, vielleicht sogar anarchisch ist, aber nicht notwendigerweise desastr\u00f6s.<\/p>\n<p>Wir betreten eine Periode systematischen Chaos an deren Ende eine neue Gesellschaftsordnung sein wird, vielleicht besser, aber vielleicht auch schlechter als die Kapitalistische. Die Geburt dieses aktuellen Systems war mit einer demografischen Katastrophe gekoppelt. In nur wenigen Jahren fielen ein Drittel der europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung der Pest zum Opfer. Und es wird sich nicht auf Zehenspitzen und mit feinen Manieren verabschieden, sondern inmitten von Chaos und Barbarei, wie das Regime von al-Gaddafi.<\/p>\n<p>Und drittens sind wir gezwungen tiefgreifende ethische Entscheidungen zu treffen, die unser Leben ver\u00e4ndern werden.<\/p>\n<p>Es gibt keinen anderen Weg als bedingungslos mit den \u201elos de abajo\u201d, \u201edenen von unten\u201c, den Armen, zu sein. Denn sie sind es, die als erstes eine neue Welt brauchen. Jetzt, da sie sich zu den Hauptakteuren dieser Systemkrise erheben, m\u00fcssen wir an ihrer Seite stehen ohne uns als Anf\u00fchrer aufzuspielen Genau jetzt gilt es das mandar-obedeciendo, das gehorchend-befehlen, zu praktizieren. Die aufst\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung hat mehr Wissen gezeigt, als alle F\u00fchrer und Aktivisten. Sie haben gelernt einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen, wo sie nicht zwingend notwendig ist. Sie haben Panzer umzingelt und darunter geschlafen um sie unbeweglich zu machen. Sie haben Soldaten zugedeckt, ja eingewickelt, um ihre zerst\u00f6rerischen F\u00e4higkeiten unbrauchbar zu machen. Weibliche F\u00e4higkeiten, die den Krieg in eine Kunst verwandelten zu besiegen ohne zu vernichten.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung: Klaus Opheim<\/p>\n<p>Ra\u00fal Zibechi | La Jornada | 25-2-2011<a title=\"Ra\u00fal Zibechi |  No es momento de hacernos los distra\u00eddos\" href=\"http:\/\/www.kaosenlared.net\/noticia\/revueltas-paises-arabes-no-momento-hacernos-distraidos\" target=\"_blank\"><br \/>\n<\/a><a title=\"Ra\u00fal Zibechi | No es momento de hacernos los distra\u00eddos\" href=\"http:\/\/www.kaosenlared.net\/noticia\/revueltas-paises-arabes-no-momento-hacernos-distraidos\" target=\"_blank\">zum Originaltext&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht der Moment sich dumm zu stellen Mit den arabischen Revolten ger\u00e4t die globale Systemkrise in eine neue Phase, noch weniger vorhersehbar und immer weniger kontrollierbar. 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