{"id":61,"date":"2011-05-09T07:59:18","date_gmt":"2011-05-09T05:59:18","guid":{"rendered":"http:\/\/berlin-projekt.net\/?p=61"},"modified":"2011-05-09T09:32:09","modified_gmt":"2011-05-09T07:32:09","slug":"raul-zibechi-la-rebelion-obrera-de-jirau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/berlin-projekt.net\/?p=61","title":{"rendered":"Ra\u00fal Zibechi: La rebeli\u00f3n obrera de Jirau"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Rebellion der Arbeiter von Jirau<\/strong><\/p>\n<p>Es ist mehr als 20 Jahre her, dass Brasilien eine solche Explosion von Arbeiterk\u00e4mpfen erlebt hat, wie man sie im M\u00e4rz 2011 im Umfeld der Riesenbaustellen des PAC (Programa de Aceleracion del Crecimiente, Programm f\u00fcr Wachstumsbeschleunigung) beobachten konnte. PAC ist das ambitionierteste Infrastrukturmodernisierungsvorhaben, was es seit der Milit\u00e4rdiktatur (1964-1985) gab. Mehr als 80 000 Bauarbeiter traten in den Streik, nachdem es zuvor auf der Baustelle des Energiewerkes in Jirau, am Fluss Madera im Staate Rondonia, mitten im Urwald nahe der Grenze zu Bolivien, zu einem Aufstand gekommen war.<\/p>\n<p>Am Nachmittag des 15. M\u00e4rz setzte ein Teil der 20 000 Arbeiter die Einrichtungen des brasilianischen Multi Camargo Correa in Flammen, verbrannten nach unterschiedlichen Quellen zwischen 45 und 80 Busse sowie die Unterk\u00fcnfte der Chefs und Ingenieure, ihre B\u00fcros und Geldautomaten. \u201cLa revuelta de los peones\u201d, der Aufstand der Tagel\u00f6hner, wie er \u00fcberall genannt wird, war die richtige Antwort auf die beschissenen Arbeitsbedingungen und die \u00dcberausbeutung, denen diese Arbeiter dort ausgesetzt sind. Sie kommen aus den \u00e4rmsten Winkeln des Landes, vor allem aus dem Norden und Nordosten, oftmals von Subunternehmern betrogen, die ihnen das Blaue vom Himmel versprochen haben.<\/p>\n<p>In Porto Velho, der Hauptstadt von Rondonia, angekommen, sind sie bereits verschuldet. Sie werden zu \u00fcberf\u00fcllten Baracken in der N\u00e4he der Baustellen gebracht, wo sie oft auf Matratzen auf dem Boden schlafen m\u00fcssen. Da die Bauherren die Projektfertigstellung in Rekordzeit versprochen haben, arbeiten sie unter gro\u00dfem Druck. Sie verdienen kaum 1000 Reales (ca. 600 Dollar) im Monat, m\u00fcssen ihre Lebensmittel und Medikamente in den konzerneigenen Gesch\u00e4ften zu horrenden Preisen kaufen und verlieren jede Menge Zeit beim Schlange stehen f\u00fcrs Essen sowie beim Transport zwischen Baustelle und Schlafplatz. Und sie leiden unter der \u00dcbermacht und den Schl\u00e4gen der Chefs und des Wachpersonals in der Isoliertheit des amazonischen Urwaldes.<\/p>\n<p>Deshalb sagen die Kollektive, die ihre K\u00e4mpfe begleiten, dass es sich eher um einen Aufstand f\u00fcr ihre W\u00fcrde als um einen Lohnkampf handelte. Die Firmen behandeln sie mit der gleichen Verachtung, die sie schon w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur an den Tag gelegt haben, als einige von ihnen ihre ersten Schritte im Gesch\u00e4ft der Gro\u00dfbaustellen im Amazonas unternahmen. Aber diesmal sind sie an eine neue Generation von Arbeitern geraten, die eine gr\u00f6\u00dfere Autonomie, gr\u00f6\u00dferes Selbstbewusstsein und eine bessere Bildung als ihre Eltern besitzt. Sie sind nicht bereit die Brutalit\u00e4t der brasilianischen Multis zu ertragen, die Tausende von Millionen verdienen und im fortgeschrittenen Prozess der Kapitalakkumulation Umwelt- und Arbeitsgesetze verletzen.<\/p>\n<p>Tage nach dem Aufstand auf der Baustelle in Jirau, begann ein Streik von 17 000 Arbeitern im 150 Kilometer entfernten, nahe Porto Velho gelegenen, San Antonio, der zweiten Gro\u00dfbaustelle am Fluss von Madera, die von einem Konsortium unter der Leitung von Odebrecht (1) errichtet wird. Des weiteren schlossen sich die 20 000 Arbeiter der Raffinerie &#8218;Abreu e Lima&#8216; in Pernambuco, weitere 14 000 der petrochemischen Anlage Suape in der gleichen Stadt, und 5 000 in Pec\u00e9m im Bundesstaat Cear\u00e1, alles PAC-Baustellen, dem Streik an. Insgesamt legten 80 000 Arbeiter die Widerspr\u00fcche offen, die dieses ambitionierte Projekt, Brasilien in eine globale Macht zu verwandeln, beinhaltet.<\/p>\n<p>Auf den gro\u00dfen Baustellen des PAC \u00fcbersteigt die Anzahl der t\u00f6dlichen Arbeitsunf\u00e4lle, die des weltweiten Durchschnitts, obwohl die Baustellen von multinationalen Firmen geleitet werden. Auf den zivilen Baustellen in Brasilien gibt es einen Durchschnitt von 23,8 Unfalltoten pro 100 000 Besch\u00e4ftigte, auf den Baustellen des PAC sind es 19,7. In den USA sind es 10 pro 100 000, in Spanien 10,6 und in Kanada 8,7. Dieser Wert f\u00fcr die Baustellen der PAC ist sehr hoch angesichts der Tatsache, dass die gro\u00dfen Bauunternehmen gen\u00fcgend Technologie besitzen, um ihre Arbeiter zu sch\u00fctzen. Auf den Baustellen von Jirau und San Antonio wurde von verbreiteten Epidemien aufgrund des Klimas und den aufreibenden Arbeitstagen berichtet.<\/p>\n<p>Die Antwort der Regierung von Dilma Rousseff bestand darin 600 Milit\u00e4rpolizisten zu entsenden und die Unternehmen zu dr\u00e4ngen \u00fcber bessere Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Brasilien ist, wie alle anderen aufstrebenden Staaten, gezwungen die Stromproduktion zu erh\u00f6hen. Das Elektrizit\u00e4tswerk von Jirau soll 3350 MW und das von San Antonio 3150 MW produzieren. Das Ziel ist die Ausnutzung der Fl\u00fcsse des Amazonas um 65 % zu steigern. Der nationale Energieplan sieht vor die Energie aus Wasserkraft auf 126000 MW zu erh\u00f6hen. Dies setzt angesichts der 75500 MW, die aus den derzeitigen Staud\u00e4mmen gewonnen werden, eine Verdopplung des Hydroenergie-Potenzial aus den Flusst\u00e4lern des Amazonas und des Tocantins voraus.<\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich dieses Ziel zu erreichen, ohne ein soziales Erdbeben zwischen den Bauarbeitern und den Bev\u00f6lkerungsgruppen des Amazonas zu provozieren. Seit die Bauarbeiten vor 2 Jahren begannen, wuchs die Bev\u00f6lkerung in Porto Vehlo um 12%, die Malaria um 63%, die T\u00f6tungsdelikte stiegen um 44% und der Missbrauch von Minderj\u00e4hrigen erh\u00f6hte sich um 76% (bedingt durch die Verbreitung der Prostitution, laut \u201cPastoral del Migrante de Rondonia\u201d (2). Im September 2009 befreite das Ministerium f\u00fcr Arbeit 38 Personen, die in Sklavenverh\u00e4ltnissen arbeiteten, und im Juni 2010 wurden 330 Straftaten auf der Baustelle von Jirau registriert.<\/p>\n<p>Die Unternehmer und die Gewerkschaften stimmten darin \u00fcberein, dass es keine Anf\u00fchrer gibt; dass da niemand ist mit dem man verhandeln kann. Die gro\u00dfen Gewerkschaften, CUT (Central \u00danica dos Trabalhadores) (3) und For\u00e7a Sindical (4), haben Probleme so viele Arbeiter, die auf den Gro\u00dfbaustellen zusammenkommen, zu disziplinieren. Auch 20 Tage nach der Revolte herrscht auf der Baustelle von Jirau noch Stillstand und die Zerst\u00f6rungen sind weit davon entfernt beseitigt zu sein. Auf den anderen Baustellen haben die Unternehmen kleineren Lohnerh\u00f6hungen und einigen Verbesserungen bei der Lebensmittelversorgung zugestimmt, obwohl die Bewegungen, die die Arbeiter unterst\u00fctzen (Landlose, Betroffene des Staudammprojektes, ind\u00edgenas) erkl\u00e4ren, dass die Auseinandersetzung erst am Anfang steht.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich fehlen noch die gro\u00dfen Baustellen f\u00fcr die Fu\u00dfballweltmeisterschaft 2014 und die Olympiade 2016, ebenso wie das Riesenelektrizit\u00e4tswerk von Belo Monte, auch in der Amazonasregion gelegen, um nur die Wichtigsten zu nennen. Auch wenn der Aufstand der Arbeiter von Jirau nicht der Erste ist, im vergangenen Jahr gab es einen weiteren, weniger Heftigen in San Antonio, so war er doch der Gewaltigste und der mit der gr\u00f6\u00dften Wirkung in der jungen Klasse der Bauarbeiter. Von ganz unten schickt eine junge Generation von Arbeitern eine gewaltige Botschaft in die Welt: es wird nicht gelingen die (Regional-) Macht Brasilien auf dem R\u00fccken der Unterdr\u00fcckten zu errichten.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung: Klaus Opheim<\/p>\n<p>Ra\u00fal Zibechi | La Jornada | 11-04-2011<br \/>\n<a title=\"Ra\u00fal Zibechi: La rebeli\u00f3n obrera de Jirau\" href=\"http:\/\/www.jornada.unam.mx\/2011\/04\/08\/index.php?section=opinion&amp;article=023a2pol&amp;partner=rss\">zum Originaltext<\/a><\/p>\n<p>Anmerkung der \u00dcbersetzer_innen:<br \/>\n1) Die Odebrecht S.A. ist ein familiengef\u00fchrtes Bau- und Chemiekonglomerat mit Hauptsitz in Salvador da Bahia, Brasilien.(nach wikipedia)<br \/>\n2) Sektion der katholischen Kirche, die mit migrantischen Arbeiter_innen arbeitet.<br \/>\n3) Gewerkschaft im Umfeld der PT und MST, Lula-treue, Pro-Linksregierung<br \/>\n4) konservative Gewerkschaft<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rebellion der Arbeiter von Jirau Es ist mehr als 20 Jahre her, dass Brasilien eine solche Explosion von Arbeiterk\u00e4mpfen erlebt hat, wie man sie im M\u00e4rz 2011 im Umfeld der Riesenbaustellen des PAC (Programa de Aceleracion del Crecimiente, Programm &hellip; <a href=\"https:\/\/berlin-projekt.net\/?p=61\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[4],"class_list":["post-61","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ubersetzung","tag-raul-zibechi"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=61"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":64,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions\/64"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=61"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=61"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=61"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}