{"id":68,"date":"2015-09-24T08:03:08","date_gmt":"2015-09-24T06:03:08","guid":{"rendered":"http:\/\/berlin-projekt.net\/?p=68"},"modified":"2015-09-24T08:03:08","modified_gmt":"2015-09-24T06:03:08","slug":"der-extraktivismus-taumelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/berlin-projekt.net\/?p=68","title":{"rendered":"Der Extraktivismus taumelt"},"content":{"rendered":"<p>Ra\u00fal Zibechi<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen den Extraktivismus fegt \u00fcber den lateinamerikanischen Kontinent, von Nord nach S\u00fcd, vom Atlantik zum Pazifik, ergreift alle L\u00e4nder, zwingt die Regierungen ihre Uniformierten auf die Stra\u00dfen zu schicken und Ausnahmezust\u00e4nde zu verh\u00e4ngen um Bev\u00f6lkerungen, die nicht mehr bereit sind, die Folgen dieses Modells zu ertragen, einzusch\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Der Mega-Tagebergbau, die riesigen Baustellen der hydroelektrischen Staud\u00e4mme, die mit Glyphosat verseuchten Monokulturen und die Immobilienspekulation werden mit einer vorher nie da gewesenen Intensit\u00e4t, Ausdehnung und Dauer beantwortet. Die Bev\u00f6lkerung erreichte in den vergangenen Jahren wichtige Erfolge: Stilllegung der Pflanzenlage von Monsanto auf den Falklandinseln; Stopp des binationalen Projekts Barrik Gold, Pascua Lama; Baustopp von zig Staud\u00e4mmen, wie in La Parota, Mexiko, geschehen.<\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen war es die Bev\u00f6lkerung von Arequipa im S\u00fcden Perus, die die Regierung von Ollanta Humala erneut dazu zwang den Ausnahmezustand auszurufen, nachdem es zum 4. Todesopfer w\u00e4hrend des schon mehr als 60 Tage anhaltenden unbefristeten Streiks gegen die Kupfermine &#8218;T\u00eda Mar\u00eda&#8216; des Unternehmens Southern Copper kam.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist Per\u00fa mit ca. 200 umweltpolitischen Konflikten seit 2008 das Epizentrum des Widerstandes gegen Bergbauprojekte. In Brasilien gilt der Widerstand nicht nur den Bergbau-, sondern auch den gro\u00dfen Wasserkraftprojekten, wie &#8218;Belo Monte&#8216;, sowie einer Vielzahl von Widerstandsaktivit\u00e4ten gegen die Immobilienspekulation (st\u00e4dtischer Extraktivismus), die gerade in Rio de Janeiro angesichts der bevorstehenden Olympischen Spiele 2016 zunimmt.<\/p>\n<p>Die Pampa Argentiniens ist das Epizentrum des Widerstands gegen den Sojaanbau. Hier sind es vor allem die M\u00fctter von Ituzaing\u00f3, die &#8218;Asamblea de Malvinas Argentinas&#8216; (Versammlung des Vororts Islas Malvinas, Cordoba), die Kampagne &#8218;Paren de Fumigarnos&#8216; (Stoppt unsere Verseuchung) und betroffene \u00c4rzte, die vom 15. bis 18. Juni die &#8218;Semana de Formaci\u00f3n Docente para la Ciencia Digna y la Salud Socio Ambiental&#8216; (Weiterbildungswoche f\u00fcr eine w\u00fcrdige Wissenschaft und umweltgerechte Gesundheit) in Rosario organisieren.<\/p>\n<p>Bis jetzt gibt es keinen vereinheitlichten oder zentralisierten Widerstand, weder regional noch in einem der betroffenen L\u00e4nder. Die Vielfalt der K\u00e4mpfe koordiniert sich jedoch in den Stra\u00dfen ohne die Notwendigkeit von vereinheitlichten Organisationen. Laut der letzten Ausgabe des &#8218;Observatorio de Conflictos Mineros de Am\u00e9rica Latina (OCMAL)&#8216; wird der Aufwand zur Aufrechterhaltung des Bergbau-Extraktivismus von gro\u00dfen Teilen der Gesellschaft immer kritischer bewertet und abgelehnt. Es gelingt den Bergbaugesellschaften nicht die Bev\u00f6lkerung von seinen Vorteilen zu \u00fcberzeugen (OCMAL, April 2015, Seite 101).<\/p>\n<p>Es gibt bestimmte Gemeinsamkeiten zwischen dem aktuellen Widerstand gegen das extraktivistische Modell und dem Arbeiter_innen-Widerstand im Fordismus der 60er Jahre. Es gelang den Fabrikarbeiter_innen damals die Produktion durch direkten Widerstand in jeder Abteilung und in jeder Werkstatt zu zersetzen. Dies geschah mittels direkten Aktionen ohne Abh\u00e4ngigkeiten von den B\u00fcrokratien der Gewerkschaften bis die Arbeitsdisziplin und -teilung zerst\u00f6rt war. Es ist wichtig nochmals darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei um einen nicht-institutionalisierten Kampf handelte, der noch nicht einmal \u00f6ffentlich kundgetan wurde. Er war jedoch so effektiv, dass er das Kapital in seinen ureigenen Bereichen, den Fabriken, besiegte, und eine komplette Umstrukturierung des Produktionsapparates erzwang.<\/p>\n<p>Was wir von dieser Welle von Arbeiter_innenk\u00e4mpfen lernen k\u00f6nnen ist folgendes: um ein Herrschaftsmodell zu zerst\u00f6ren, ist es essentiell, dass dies genau auf dem Gebiet geschieht, wo dieses Modell angewendet wird, vollkommen unabh\u00e4ngig von Regierungen und staatlichen Stellen. Der Kampf und der direkte Widerstand sind durch nichts zu ersetzen, wie die unz\u00e4hlig wiederholten Chroniken von Studien und Erz\u00e4hlungen lehren.<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist es wichtig hervorzuheben, dass es den einen Moment der Zerst\u00f6rung oder das letzte Gefecht, wie es in der &#8218;Internationalen&#8216; hei\u00dft, nicht gibt. Das Entscheidende ist der lange Prozess von direkten Aktionen, die den Herrschaftsmechanismus ins Stottern bringen. Zwischen dem Beginn des Fordismus und Taylorismus und ihrer Zur\u00fcckdr\u00e4ngung und Neutralisierung ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Es waren 2 oder 3 Generationen von Arbeiter_innen notwendig um die Schwachstellen im Herrschaftsgetriebe ausfindig zu machen.<\/p>\n<p>Was gerade gegen den Extraktivismus geschieht, sollte uns in mehrfacher Hinsicht eine Lehre sein. Mit dem einen Auge den Blick auf die Geschichte des Widerstands gerichtet und dem anderen in Richtung Gegenwart k\u00f6nnen wir ein paar Schlussfolgerungen ziehen.<\/p>\n<p>Erstens, dass der Widerstand in den Regionen, in denen sich Minen und Tagebau, Monokulturen und Megabaustellen der Infrastruktur ausbreiten, vor allem von indigenen Gruppen, schwarzen und mestizischen getragen wird. Es handelt sich um eine breite und heterogene Verflechtung von Bauer_innen, Landarbeiter_innen und Dorfbewohner_innen, bei der die Rolle der Frauen und ihrer Familien hervorsticht. Es ist ein Kampf von Angesicht zu Angesicht gegen\u00fcber Betrieben und Regierungen, fast immer ohne die Unterst\u00fctzung von Institutionen, die sich erst dann zeigen, wenn der gro\u00dfe Teil der Bev\u00f6lkerung die Stra\u00dfen einnimmt.<\/p>\n<p>Zweitens, die Wichtigkeit den Zugriff auf das Wasser, das wichtigste gemeinsame Gut, das vom Extraktivismus angegriffen wird, zu verteidigen. In einigen L\u00e4ndern, wie zum Beispiel in Uruguay, hat die Bev\u00f6lkerung begonnen sich gegen dieses Modell zu wehren, in dem sie die Qualit\u00e4tsverschlechterung ihres Trinkwassers nachwies. Auf diese Weise k\u00f6nnen sich konkrete B\u00fcndnisse zwischen Land- und Stadtbev\u00f6lkerung, zwischen Basiskollektiven und Gewerkschaften, zwischen Arbeiter_innen und Wissenschaftler_innen bilden.<\/p>\n<p>Drittens, die Vielfalt der Kampfformen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt, eine gro\u00dfe Ausdehnung erreichen und zu sozialen Ausbr\u00fcchen f\u00fchren kann, die keineswegs spontan, sondern das Ergebnis einer lang anhaltenden Arbeit von Verbreiterung und Organisierung sind. Etwas in dieser Art geschah dieser Tage in Arequipa, als sich erst ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung von kleinen Siedlungen und Gemeinden und sp\u00e4ter dann die ganze Stadt gegen den Bergbau erhob.<\/p>\n<p>Das Vierte ist die Bedeutung der kleinen lokalen und regionalen Gruppen bestehend aus \u00fcberwiegend jungen Nachbar_innen und Aktivist_innen. Diese Art der Zusammenschl\u00fcsse ist entscheidend, denn von hier aus werden Informationen f\u00fcr die Debatte zwischen den breiteren Teile der betroffenen Bev\u00f6lkerung weitergegeben.<\/p>\n<p>Der Extraktivismus ist noch weit davon entfernt zerst\u00f6rt zu sein. Aber wir k\u00f6nnen ihn schon taumeln sehen.<\/p>\n<p>Aus: &#8218;La Jornada&#8216;, 29.5.2015<\/p>\n<p>http:\/\/www.jornada.unam.mx\/2015\/05\/29\/opinion\/017a2pol<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ra\u00fal Zibechi Der Widerstand gegen den Extraktivismus fegt \u00fcber den lateinamerikanischen Kontinent, von Nord nach S\u00fcd, vom Atlantik zum Pazifik, ergreift alle L\u00e4nder, zwingt die Regierungen ihre Uniformierten auf die Stra\u00dfen zu schicken und Ausnahmezust\u00e4nde zu verh\u00e4ngen um Bev\u00f6lkerungen, die &hellip; <a href=\"https:\/\/berlin-projekt.net\/?p=68\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-68","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=68"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":69,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions\/69"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=68"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=68"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/berlin-projekt.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=68"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}