{"id":9,"date":"2011-04-05T08:41:43","date_gmt":"2011-04-05T08:41:43","guid":{"rendered":"http:\/\/berlin-projekt.net\/?p=9"},"modified":"2011-05-04T13:07:32","modified_gmt":"2011-05-04T11:07:32","slug":"raul-zibechi-todo-lo-solido-se-desvanece-en-la-calle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/berlin-projekt.net\/?p=9","title":{"rendered":"Ra\u00fal Zibechi : Todo lo s\u00f3lido se desvanece en la calle"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alles Verfestigte zergeht auf der Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Die Hungerrevolten, die die arabische Welt ersch\u00fcttern, k\u00f6nnten die ersten Wellen eines gro\u00dfen sozialen<em> <\/em>Tsunami sein, der gerade aus den Tiefen der \u00e4rmsten V\u00f6lker des Planten entsteht. Der au\u00dfergew\u00f6hnliche Anstieg der Lebensmittelpreise (Mais 58%, Weizen 67% in nur einem Jahr) verwandelt sich in einen Katalysator, der die Ausbr\u00fcche vorantreibt, und das \u00d6l unterst\u00fctzt die brutale Finanzspekulation, die sich erneut auf die Rohstoffe konzentriert. Einige Preise haben bereits die Spitzenwerte von 2008 \u00fcberstiegen und Weltbank und IWF zeigen sich unf\u00e4hig die Spekulation mit Lebensmitteln, mit dem Leben, einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Zwei Punkte in der arabischen Revolte verdienen besondere Beachtung: die Geschwindigkeit mit der die Hungerrevolten sich in politische Revolten verwandelten, sowie die Angst der herrschenden Eliten, die seit Jahrzehnten auf politische und soziale Probleme nur mit innerer Sicherheit und Repression antworten. Der erste Punkt zeigt eine neue Politisierung der Armen im Nahen Osten. Der Zweite zeigt die Schwierigkeiten der Herrschenden mit dieser Politisierung umzugehen. Das System zeigt \u00fcberdeutlich, dass es mit jeder staatlichen Autorit\u00e4t umgehen kann, egal wie radikal oder antisystemisch es sich geb\u00e4rdet, aber Menschenmassen auf der Stra\u00dfe, Revolten, oder gar eine permanente Rebellion sind nicht hinnehmbar. Menschenansammlungen auf den Stra\u00dfen sind der Sand im Getriebe der Kapitalakkumulation. Deshalb war der erste Akt der Milit\u00e4rs nach dem R\u00fccktritt Mubaraks, die Aufforderung an die Bev\u00f6lkerung, die Stra\u00dfen zu verlassen und zur Arbeit zur\u00fcck zu kehren.<br \/>\n<!--more-->W\u00e4hrend die Herrschenden besetzte Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze nicht ertragen, haben wir, die wir gelernt haben Pharaone zu st\u00fcrzen, noch nicht verstanden das Flie\u00dfen, die Bewegungen des Kapitals, zu behindern. Dies ist wesentlich schwieriger als Panzer zu blockieren oder Anti-Riot-Polizisten zu vertreiben. Denn im Unterschied zu den Staatsapparaten flie\u00dft das Kapital ohne territoriale Bindung. Es scheint unm\u00f6glich es einzufangen. Mehr noch: es durchdringt uns, formt unsere K\u00f6rper und unser Verhalten, es mischt sich in unser Alltagsleben ein und, wie Foucault es beschrieb, es schleicht sich in unsere Betten und Tr\u00e4ume. Das Au\u00dferhalb des Staates und seiner Institutionen kennen wir, aber ein au\u00dferhalb des Kapitals scheint schwer vorstellbar. Um das Kapital zu bek\u00e4mpfen reichen weder die Barrikaden noch die Revolten aus.<\/p>\n<p>Trotz dieser Beschr\u00e4nkungen sind die Hungerrevolten, die zu Anti-Diktaturen-Revolten wurden, Torpedos in das entscheidende Gleichgewichtsgef\u00fcge des Weltsystems. Diese Destabilisierung, die wir im Mittleren Osten erleben, kann es nicht schadlos \u00fcberstehen. Die linke israelische Presse weist darauf hin, dass das, was die Region am wenigsten ben\u00f6tigt, irgendeine Form von Stabilit\u00e4t sei. Laut Gideon Levy eine Stabilit\u00e4t, die f\u00fcr Millionen von Arabern, darunter 2,5 Millionen Pal\u00e4stinenser, bedeutet ohne Rechte oder unter kriminellen Regimen oder terroristischen Tyraneien zu leben (Haaretz, 10.2.2011).<\/p>\n<p>Wenn Millionen die Stra\u00dfen erobern, ist alles m\u00f6glich. Es ist wie bei einem Erdbeben; erst st\u00fcrzen die schwerf\u00e4lligsten und schlechtest konstruierten Strukturen, also die \u00e4ltesten und am wenigsten legitimierten Regime. Aber sind die ersten Ersch\u00fctterungen einmal vor\u00fcber, werden die Risse und die br\u00fcchigen Mauern sichtbar, und die \u00fcberforderten St\u00fctzen k\u00f6nnen die Struktur nicht mehr aufrecht halten. W\u00e4hrend der gro\u00dfen Ersch\u00fctterungen erscheinen manchmal nur kleine Ver\u00e4nderungen, aber mit bedeutenden Auswirkungen. Etwas \u00e4hnliches erlebten wir in S\u00fcdamerika in der Zeit zwischen dem Caracazo in Venezuela 1989 und dem 2. Gaskrieg in Bolivien 2005. In diesen Jahren wurden die Kr\u00e4fte, die das neoliberale Modell unterst\u00fctzten gezwungen die Regierungen zu verlassen um ein neues Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis in der Region zu installieren.<\/p>\n<p>Wir betreten ein Periode der Unsicherheit und wachsenden Unordnung. In S\u00fcdamerika existiert eine aufstrebende Macht wie Brasilien, der es gelungen ist die vorhandene zusammenbrechende Struktur durch eine Alternative zu ersetzen. Die UNASUR ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Im Nahen Osten jedoch scheint die Angelegenheit wesentlich komplexer zu sein. Dies liegt an der enormen politischen und sozialen Polarisation, an der starken<strong><em> <\/em><\/strong>zwischenstaatlichen Konkurrenz und daran, dass sowohl die USA wie Israel glauben an Realit\u00e4ten festhalten zu k\u00f6nnen, die l\u00e4ngst nicht mehr haltbar sind.<\/p>\n<p>Der Mittlere Osten vereint einige der brutalsten Widerspr\u00fcche der derzeitigen Welt. Erstens, den Versuch einen untergehenden Unilateralismus aufrecht zu halten. Zweitens, ist es die Region, wo das Hauptprinzip der Welt am deutlichsten sichtbar ist: die brutale Konzentration von Macht und Reichtum. Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte verschwendete ein einziges Land, die USA, allein soviel Geld mit Waffen wie der gesamte Rest der Welt zusammen. Und genau im Mittleren Osten f\u00e4hrt diese bewaffnete Macht sein ganzes Potenzial auf um das aktuelle Weltsystem aufrecht zu halten. Und mehr noch: ein kleiner Staat mit kaum 7 Millionen Einwohnern besitzt hier doppelt soviel Nuklearwaffen wie China, der zweit-gr\u00f6\u00dften Weltmacht.<\/p>\n<p>Es ist m\u00f6glich, dass die arabische Revolte einen Spalt rei\u00dft in diese ungeheuerliche Konzentration der Macht, die sich in dieser Region seit Ende des 2. Weltkrieges zeigt. Die Zeit wird uns zeigen, ob sich gerade ein Tsunami zusammenbraut, der so gewaltig ist, dass nicht einmal das Pentagon in der Lage ist auf seinen Wellen zu surfen.Wir d\u00fcrfen jedoch nicht vergessen, dass die Tsunamis keine Unterscheidungen vornehmen; sie rei\u00dfen Rechte und Linke, Gerechte und S\u00fcnder, Rebellen und Konservative um. Es ist vergleichbar mit einer Revolution: nichts bleibt an seinem Platz. Gro\u00dfes Leid entsteht bevor alles zu einer gewissen Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehrt, die besser oder aber vielleicht weniger schlecht sein kann.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung: Klaus Opheim<\/p>\n<p>Ra\u00fal Zibechi | ALAI | 15-2-2011<br \/>\n<a title=\"Ra\u00fal Zibechi | Todo lo s\u00f3lido se desvanece en la calle\" href=\"http:\/\/alainet.org\/active\/44376\">zum Originaltext&#8230;<\/a><\/p>\n<p>Ra\u00fal Zibechi, Autor aus Uruguay, Dozent und Forscher an  der Multiversidad Franciscana de Am\u00e9rica Latina, sowie\u00a0 Berater  diverser sozialer Kollektive.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles Verfestigte zergeht auf der Stra\u00dfe Die Hungerrevolten, die die arabische Welt ersch\u00fcttern, k\u00f6nnten die ersten Wellen eines gro\u00dfen sozialen Tsunami sein, der gerade aus den Tiefen der \u00e4rmsten V\u00f6lker des Planten entsteht. 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