Raúl Zibechi : Todo lo sólido se desvanece en la calle

Alles Verfestigte zergeht auf der Straße

Die Hungerrevolten, die die arabische Welt erschüttern, könnten die ersten Wellen eines großen sozialen Tsunami sein, der gerade aus den Tiefen der ärmsten Völker des Planten entsteht. Der außergewöhnliche Anstieg der Lebensmittelpreise (Mais 58%, Weizen 67% in nur einem Jahr) verwandelt sich in einen Katalysator, der die Ausbrüche vorantreibt, und das Öl unterstützt die brutale Finanzspekulation, die sich erneut auf die Rohstoffe konzentriert. Einige Preise haben bereits die Spitzenwerte von 2008 überstiegen und Weltbank und IWF zeigen sich unfähig die Spekulation mit Lebensmitteln, mit dem Leben, einzudämmen.

Zwei Punkte in der arabischen Revolte verdienen besondere Beachtung: die Geschwindigkeit mit der die Hungerrevolten sich in politische Revolten verwandelten, sowie die Angst der herrschenden Eliten, die seit Jahrzehnten auf politische und soziale Probleme nur mit innerer Sicherheit und Repression antworten. Der erste Punkt zeigt eine neue Politisierung der Armen im Nahen Osten. Der Zweite zeigt die Schwierigkeiten der Herrschenden mit dieser Politisierung umzugehen. Das System zeigt überdeutlich, dass es mit jeder staatlichen Autorität umgehen kann, egal wie radikal oder antisystemisch es sich gebärdet, aber Menschenmassen auf der Straße, Revolten, oder gar eine permanente Rebellion sind nicht hinnehmbar. Menschenansammlungen auf den Straßen sind der Sand im Getriebe der Kapitalakkumulation. Deshalb war der erste Akt der Militärs nach dem Rücktritt Mubaraks, die Aufforderung an die Bevölkerung, die Straßen zu verlassen und zur Arbeit zurück zu kehren.
Während die Herrschenden besetzte Straßen und Plätze nicht ertragen, haben wir, die wir gelernt haben Pharaone zu stürzen, noch nicht verstanden das Fließen, die Bewegungen des Kapitals, zu behindern. Dies ist wesentlich schwieriger als Panzer zu blockieren oder Anti-Riot-Polizisten zu vertreiben. Denn im Unterschied zu den Staatsapparaten fließt das Kapital ohne territoriale Bindung. Es scheint unmöglich es einzufangen. Mehr noch: es durchdringt uns, formt unsere Körper und unser Verhalten, es mischt sich in unser Alltagsleben ein und, wie Foucault es beschrieb, es schleicht sich in unsere Betten und Träume. Das Außerhalb des Staates und seiner Institutionen kennen wir, aber ein außerhalb des Kapitals scheint schwer vorstellbar. Um das Kapital zu bekämpfen reichen weder die Barrikaden noch die Revolten aus.

Trotz dieser Beschränkungen sind die Hungerrevolten, die zu Anti-Diktaturen-Revolten wurden, Torpedos in das entscheidende Gleichgewichtsgefüge des Weltsystems. Diese Destabilisierung, die wir im Mittleren Osten erleben, kann es nicht schadlos überstehen. Die linke israelische Presse weist darauf hin, dass das, was die Region am wenigsten benötigt, irgendeine Form von Stabilität sei. Laut Gideon Levy eine Stabilität, die für Millionen von Arabern, darunter 2,5 Millionen Palästinenser, bedeutet ohne Rechte oder unter kriminellen Regimen oder terroristischen Tyraneien zu leben (Haaretz, 10.2.2011).

Wenn Millionen die Straßen erobern, ist alles möglich. Es ist wie bei einem Erdbeben; erst stürzen die schwerfälligsten und schlechtest konstruierten Strukturen, also die ältesten und am wenigsten legitimierten Regime. Aber sind die ersten Erschütterungen einmal vorüber, werden die Risse und die brüchigen Mauern sichtbar, und die überforderten Stützen können die Struktur nicht mehr aufrecht halten. Während der großen Erschütterungen erscheinen manchmal nur kleine Veränderungen, aber mit bedeutenden Auswirkungen. Etwas ähnliches erlebten wir in Südamerika in der Zeit zwischen dem Caracazo in Venezuela 1989 und dem 2. Gaskrieg in Bolivien 2005. In diesen Jahren wurden die Kräfte, die das neoliberale Modell unterstützten gezwungen die Regierungen zu verlassen um ein neues Kräfteverhältnis in der Region zu installieren.

Wir betreten ein Periode der Unsicherheit und wachsenden Unordnung. In Südamerika existiert eine aufstrebende Macht wie Brasilien, der es gelungen ist die vorhandene zusammenbrechende Struktur durch eine Alternative zu ersetzen. Die UNASUR ist ein gutes Beispiel dafür. Im Nahen Osten jedoch scheint die Angelegenheit wesentlich komplexer zu sein. Dies liegt an der enormen politischen und sozialen Polarisation, an der starken zwischenstaatlichen Konkurrenz und daran, dass sowohl die USA wie Israel glauben an Realitäten festhalten zu können, die längst nicht mehr haltbar sind.

Der Mittlere Osten vereint einige der brutalsten Widersprüche der derzeitigen Welt. Erstens, den Versuch einen untergehenden Unilateralismus aufrecht zu halten. Zweitens, ist es die Region, wo das Hauptprinzip der Welt am deutlichsten sichtbar ist: die brutale Konzentration von Macht und Reichtum. Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte verschwendete ein einziges Land, die USA, allein soviel Geld mit Waffen wie der gesamte Rest der Welt zusammen. Und genau im Mittleren Osten fährt diese bewaffnete Macht sein ganzes Potenzial auf um das aktuelle Weltsystem aufrecht zu halten. Und mehr noch: ein kleiner Staat mit kaum 7 Millionen Einwohnern besitzt hier doppelt soviel Nuklearwaffen wie China, der zweit-größten Weltmacht.

Es ist möglich, dass die arabische Revolte einen Spalt reißt in diese ungeheuerliche Konzentration der Macht, die sich in dieser Region seit Ende des 2. Weltkrieges zeigt. Die Zeit wird uns zeigen, ob sich gerade ein Tsunami zusammenbraut, der so gewaltig ist, dass nicht einmal das Pentagon in der Lage ist auf seinen Wellen zu surfen.Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Tsunamis keine Unterscheidungen vornehmen; sie reißen Rechte und Linke, Gerechte und Sünder, Rebellen und Konservative um. Es ist vergleichbar mit einer Revolution: nichts bleibt an seinem Platz. Großes Leid entsteht bevor alles zu einer gewissen Normalität zurückkehrt, die besser oder aber vielleicht weniger schlecht sein kann.

Übersetzung: Klaus Opheim

Raúl Zibechi | ALAI | 15-2-2011
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Raúl Zibechi, Autor aus Uruguay, Dozent und Forscher an der Multiversidad Franciscana de América Latina, sowie  Berater diverser sozialer Kollektive.

 

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